8 of 15 · Pflege
Statt die Familie stärker in die Pflicht zu nehmen, bräuchte es verlässliche professionelle Unterstützung, damit Pflege nicht zur unbezahlten Vollzeitaufgabe einzelner Angehöriger wird.
Zitat (AfD-Programm, Kapitel XVII. Gesundheit und Pflege, Punkt 15 „Pflege zuhause fördern – Familienzusammenhalt stärken!”, S. 244–245):
„Wir sehen den herrschenden Trend, mehr und mehr Aufgaben der Familie dem Staat aufzubürden, kritisch und werden deshalb auch auf dem Gebiet der Pflege dafür sorgen, dass die Familie wieder mehr von dem übernimmt, was sie schon immer geleistet hat und was sie auch besser leisten kann als der Staat.”
Was dagegen spricht:
Diese Aufgabe würde überwiegend auf Frauen zurückfallen: Laut dem Sozialverband VdK Deutschland sind fast drei Viertel aller pflegenden Angehörigen in Deutschland Frauen, und wer als Frau einen Angehörigen pflegt, trägt ein deutlich erhöhtes Armutsrisiko, da Erwerbsarbeit, Gehalt und Rentenansprüche darunter leiden. Statt die Familie stärker in die Pflicht zu nehmen, bräuchte es genau das Gegenteil: verlässliche professionelle Unterstützung, damit Pflege nicht zur unbezahlten Vollzeitaufgabe einzelner Angehöriger wird.
Quelle: Sozialverband VdK Deutschland e.V., „Frauen & Pflege”, vdk.de — https://www.vdk.de/themen/frauen/frauen-und-pflege/
Konkrete Folge für Sachsen-Anhalt:
Der beschriebene Trend existiert nicht. Pflege findet in Sachsen-Anhalt bereits ganz überwiegend zu Hause statt. Von den für 2030 erwarteten 210.600 Pflegebedürftigen werden nach der Vorausberechnung des Statistischen Landesamtes rund 31.800 teil- oder vollstationär versorgt – etwa 15 Prozent. Selbst bei den 80- bis unter 85-Jährigen, von denen 42 Prozent pflegebedürftig sind, entfallen 37 Prozentpunkte auf häusliche und nur 5 auf teil- oder vollstationäre Pflege. Die Familien übernehmen längst den größten Teil. Die Forderung verlangt also mehr von Menschen, die diese Last bereits tragen.
Gleichzeitig schwindet die professionelle Unterstützung, auf die genau diese Familien angewiesen sind. Die Zahl der Pflegebedürftigen steigt bis 2040 auf 220.200 – zwölf Prozent der Bevölkerung –, während das Arbeitskräftepotenzial und damit die Zahl der für Pflegeberufe verfügbaren Personen um 21 Prozent sinkt. Wer Angehörige zu Hause pflegt, braucht ambulante Dienste, Kurzzeit- und Verhinderungspflege. Fehlen sie, wird aus häuslicher Pflege eine Aufgabe rund um die Uhr ohne Entlastung.
Was dabei eingespart wird, ersetzen Angehörige durch unbezahlte Arbeit – überwiegend Frauen, die dafür Arbeitszeit, Einkommen und Rentenansprüche aufgeben. Für Sachsen-Anhalt wiegt das doppelt: In einem Land, dessen Zahl der Erwerbstätigen ohnehin von rund 994.000 auf 955.000 bis 2030 sinkt, zieht jede zusätzliche Pflegeverpflichtung weitere Arbeitskraft aus dem Arbeitsmarkt ab.
Quellen:
- Statistisches Landesamt Sachsen-Anhalt, „Zahl der Pflegebedürftigen wächst bis 2040 weiter an”, 25. Februar 2026 — https://statistik.sachsen-anhalt.de/news/news-details/zahl-der-pflegebeduerftigen-waechst-bis-2040-weiter-an
- BIBB-IAB-Qualifikations- und Berufsprojektionen (QuBe), Bundesland-Dossier Sachsen-Anhalt, 8. Welle — https://www.bibb.de/dokumente/pdf/Bundesland-Dossier%20_14_Sachsen-Anhalt_W8.pdf